Von Krokodilen, Kindern und Wasser
Georg Haberlers malerische Arbeiten werden immer wieder als „Wimmelbilder“ bezeichnet. Für das Genre charakteristisch ist eine Fülle an Details von Figuren und Strukturen, die auf erste Sicht zur Gänze kaum erfasst werden können und die sich auch gegenüber der Bildkomposition erst durch eine Art wandernden Blicks erschließen.
Sofern man sich auf die Bilder des 1985 in Graz geborenen Georg Haberler einlässt, entstehen - vom Künstler beabsichtigt - individuelle Erzählungen aus dem Zusammenspiel von Figuren und Objekten und den eigenen Erinnerungen. Auffallend zunächst ist der Haberlers Bilder charakterisierende Duktus. Formal angelehnt an kindliches Zeichnen, vermitteln Haberlers Mixed Medias jeweils den Eindruck einer gewissen Unbedarftheit, als sei mit jedem Bild auch eine Frage gestellt wie beispielsweise Kannst Du mir die Welt erklären? Bitte (2021, für die MISA, Messe in Sankt Agnes, König Galerie Berlin).
Wie kam es zur Kunst, wie zur Form?
Im Videogespräch erzählt der in Wien lebende Künstler, dass es ihm zunächst darum ging, unabhängig von zuhause zu sein, worauf eine nicht ganz kurze Orientierungsphase folgte. Mit 18 Jahren also die Schule abgebrochen und Beginn einer Kochlehre. Aber die Aussicht, in den Küchenbrigaden nicht weniger bevormundet zu sein als bisher, führte zur Entscheidung für eine Lehre zum Informatiker und darauf zur Anstellung in einer IT-Firma. Die Kunst, so Haberler, war bis dahin eine eher periphere Angelegenheit: „Ich bin in einem Elternhaus ohne Fernseher aufgewachsen. Wir sind aber oft zu Theateraufführungen ins Grazer Schauspielhaus gegangen." 2008 dann abermals der Wechsel ins andere Metier. Georg Haberler immatrikulierte an der Fakultät für Architektur in Graz. Im Sommer vor Beginn des Studiums, und während einer Reise durch die USA, kam es zu einem wohl entscheidenden Erlebnis, als er im New Yorker MOMA „lange Zeit" vor Mark Rothkos No. 3 (1953) verbrachte. „In meiner Erinnerung bin ich extrem lange davor gestanden." Ohne zuvor eine Abbildung gekannt zu haben und nun das Original sehen zu können, sei er merkwürdig berührt gewesen von dem „eigentlich so einfach, minimal komponierten Bild", das ihm „unschuldig" erschien.
Und, wieder in Graz, eine ähnliche Erfahrung in der Ausstellung Warhol Wool Newman (2009/10) im Kunsthaus. „Wie in meinen Augen so Simples so berühren kann, wollte ich gerne verstehen". Während seines Architekturstudiums begann Haberler zu malen, um sich bald bei Erwin Bohatsch an der Akademie der bildenden Künste in Wien zu bewerben. Aufgenommen, folgten ein Erasmus-Stipendium für die Faculdade de Belas Artes in Porto und ein Stipendium an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg. 2015 dann der Diplomabschluss in Wien.
„Ich habe versucht, Kunst zu machen. Inzwischen mache ich Kunst."
Während des Studiums, erzählt Haberler, seien seine Arbeiten am Abstrakten Expressionismus orientiert gewesen. Überlegungen, dass die Malerei doch „komplexer sein könnte, als Farbe auf eine Oberfläche zu bringen" mündeten zunächst die Entwicklung neuer Techniken, „um die Zweidimensionalität der Malerei zu durchbrechen". Gemalt wurde auf der Rückseite semitransparenter Leinwand und Siebdruckgewebe, zudem wurden Bildträger in mehreren Schichten aufgebracht. Als nicht eben konventionelles Malmittel fand Haberler die Nähmaschine, mit der er die Kontur seiner Figuren, gleichfalls von der Rückseite, in die Leinwände näht. Immer schwarzer oder weißer Ober- und Unterfaden werden entsprechend koloriert.
Durchwegs ohne vorherige Bildvorstellung, entwickeln sich die Kompositionen von Detail zu Detail. Waren frühe Arbeiten noch unbetitelt, sind es die neuen sehr wohl: „Jedes Bild hat bei mir einen Titel, um es loslassen zu können." Musik und Literatur - Friederike Mayröcker etwa - geben dazu Anstöße oder Assoziationen wie in Topf und Deckel (2023) in dem auf zwei Bildhälften (oben Molino, unten belgisches Leinen) eine Krabbe anscheinend eine Schlange, wie Topf und Deckel, auf ihren Beinen trägt. Die Titel aber sollen wenig konkret bleiben, um „möglichst viel Spielraum zur Interpretation offen zu lassen".
2021 wurde er mit dem Förderpreis des Landes Steiermark für zeitgenössische bildende Kunst ausgezeichnet. In der Gruppenausstellung der PreisträgerInnen, A Playground Guide to Getting Lost (Neue Galerie, 2021/22), war Georg Haberler mit fünf Gemälden vertreten, die an Cartoons erinnern, aber auch an mittelalterliche Landkarten. Darin erzählende Kompositionen von Amphibien gleichen Lebewesen, die unter Wasser wie auch an Land leben. In etlichen Bildern Haberlers, und oft in Verbindung zu Kinderfiguren, ist immer wieder ein Krokodil zu finden. „Das Krokodil", erzählt der Künstler, „ist meines Erachtens sehr ikonisch. Bilder lassen sich mit der Form des Krokodils gut strukturieren und es passt einfach gut in meine Hochformate". Neben Tafelbildern war in der Ausstellung auch eine erste, circa vier Meter große Holz-Plastik Haberlers zu sehen. Wie ein übergroßes Kinderspielzeug mutet Crocodile Dundee an, das grüne Krokodil auf Rädern, das an einer Kordel durch den Raum gezogen werden konnte. Crocodile Dundee war aus einer pragmatischen Vorstellung entwickelt worden, die im Grunde auch für seine künstlerische Haltung steht. In Wien nämlich sind Parkplätze für Autos zu mieten, die aber oft von anderen Fahrzeughaltern besetzt werden. Das könnte man durch einen Platzhalter unterbinden, der bei Haberler ein Krokodil auf Rädern mit Kordel sein könnte, etwa in der Größe eines VW-Polos. „Es gäbe ein lustiges Bild der Stadt, habe ich mir gedacht, wenn jeder einen solchen Platzhalter, lauter Tierskulpturen, verwenden würde."
Während unseres Videogesprächs sitzt Haberler an einem grünen Arbeitstisch in Krokodilform. Für die Präsentation der Berliner Galerie Weserhalle, auf einer Messe in Düsseldorf, wollte er keinen handelsüblichen Tisch verwenden und naheliegend war da schon die Form des Krokodils. Bisher bleibt es aber bei den zwei Plastiken: „Ich denke zwar an Skulpturen. Inzwischen bin ich aber schon so lange mit der Malerei beschäftigt. Bis ich endlich in die jetzige Form gefunden habe, die vieles widerspiegelt von dem, was ich bin. Da wird es für Skulpturen noch eine Zeit brauchen."
„Eigentlich habe ich vor, mehr mit Textilien zu arbeiten", überlegt Haberler, „weil mich die Materialität interessiert, weil Textilien Akustik beeinflussen und vergleichsweise weich sind." Dem Klischee, dass Kunst erhaben über den Dingen des Alltags steht, versucht er sich zu verweigern. „Meine Kunst soll jedenfalls mehrdeutig, nicht eindeutig sein. So, wie Menschen eben sind. Das funktioniert meiner Meinung nach gut mit meinen Wimmelbildern und den Material- bzw. Farbschichten von der Rückseite her bearbeitet, gewissermaßen hintergründig angelegt." Für die Ausstellung Submarine Frieda (Steirischer Herbst 2023), die nach einem Postkartensujet aus dem Jahr 1925 angelegt war, auf dem Frauen unter dem Motto Nie wieder Krieg! demonstrierten, „habe ich Szenen gemalt und genäht, in denen Kinder unerschrocken in die Welt schauen".
Nach Einladung von Vogue und Valentino im vergangenen Jahr konnte Georg Haberler Stoffe aus dem Valentino-Archiv in Rom für seine Malereien verwenden. Die Arbeiten wurden auf dem Salone del Mobile in Mailand ausgestellt. Als Artist in Residence des BM für Kunst und Kultur war Haberler in diesem Jahr drei Monate lang in Ghana. Der Kantamanto in der Hauptstadt Accra ist einer der größten Secondhand-Märkte der Welt, auf dem Textilien aus der Überproduktion von Weltmarken verkauft werden. Haberler besorgte sich eine gebrauchte Nähmaschine, nähte und malte auf am Markt erstandenen Materialien.
„Als ich durch die Stadt ging, hatte ich den Eindruck, ich bewege mich durch meine Bilder." Eines der in Ghana entstandenen Werke heißt Just Water und zeigt die Arbeit von Frauen an einem Bassin mit Trinkwasser. Ein Zyklus der in Ghana entstandenen Arbeiten wird im September in München ausgestellt.
https://www.georghaberler.com/
Wenzel Mraček
August 2024