Ein gewebter Kokon
Die Künstlerin Marlene Hausegger war im strengen Corona-Lockdown 2021 in der griechischen Hauptstadt Athen unterwegs.
Marlene Hausegger hat in der Bewerbung für das Atelier-Auslandsstipendium in Athen festgehalten, dass sie sich mit Geschichte und dem Wandel des Stadtviertels Metaxourigio auseinandersetzen möchte: „Dadurch, dass die Bewegungsfreiheit sehr eingeschränkt war, habe ich mich hauptsächlich im Viertel Metaxourigi, in dem ich gewohnt habe, bewegt", erzählt Marlene Hausegger. Zuerst war die Ruhe und Einsamkeit willkommen für die bildende Künstlerin, aber bald waren es die sozialen Kontakte, die sie vermisste. „Glücklicherweise lernte ich die Künstlerin Eliana Otta kennen, mit der ich einen schönen künstlerischen und freundschaftlichen Austausch hatte." Dadurch konnte sie aber auch ihren künstlerischen Plan gut umsetzen.
„Der Stadtraum von Athen bietet mit seiner Geschichte und vielschichtigen Gegensätzlichkeit viele Anknüpfungspunkte für künstlerische Überlegungen." „Metaxi" ist das griechische Wort für Seide, das Viertel stand für die Seidenproduktion. „Die Seidenindustrie ist inzwischen in Griechenland kaum mehr existent, nur mehr die ehemaligen Fabrik- hallen und die Maulbeerbäume erzählen von dieser Geschichte. Dieser Bezirk mit den schönen alten Jahrhundertwende-Häusern war nach dem Niedergang der Seidenindustrie stark von Verfall und Vernachlässigung betroffen." Das Viertel wurde dann von der Mode, und ihren Fashionstores, erobert und gleichzeitig begann sich eine Chinatown zu etablieren. Marlene Hausegger beobachtete die Unmengen der täglich ankommenden Kartons mit der Frühjahrskollektion 2021, doch es durften nur „Reseller-Persons" in die riesigen Verkaufshallen bzw. Fashion-Outlet-Stores, die die Ware wiederverkauften.
Da begann Marlene Hausegger, Materialien rund um die Hallen zu sammeln und webte einen Kokon daraus. Ihrem Werk zugrunde liegen dabei die Gedanken an Massenkonsum, globaler Abhängigkeit und Transformationsprozesse, letztere nicht nur die von Seidenraupen. Ein Sonnensegel, auf dem Maulbeerblätter und Seidenkokons abgebildet waren, schwebte auf dem Dach der Breeder Gallery, wo Marlene Hausegger in einer sehr kleinen Runde ihr Projekt, eingekleidet in ihren gewebten Kokon, vorstellen und mit der Kuratorin und Architektin Artemis Papageorgiou über die urbanen Veränderungen im Viertel sprechen konnte. Ihre Arbeit mit und in Metaxourigio ist mit dem Ende ihres Aufenthalts in Athen keineswegs beendet: „Am Seidenprojekt möchte ich gerne weiterarbeiten und, wenn möglich, damit auch in den öffentlichen Raum gehen. Weiters habe ich viele Fotos von meinen Streifzügen durch die Stadt mitgenommen. Und dann warten im Atelier noch Schwämme aus dem Meer auf mich, um bearbeitet zu werden."
In ihrer Kunst beschäftigt sich Marlene Hausegger „mit versteckten Limitationen und verkappten Möglichkeiten sozialer Situationen", die sie vor allem im öffentlichen Raum entdeckt. Das Ergebnis sind temporäre Installationen sowie Videos, Collagen und Zeichnungen.
Kurzbio Marlene Hausegger
Geboren 1984 in Leoben, studierte an der Universität für angewandte Kunst in Wien und an der École des Beaux-Arts in Montpellier. Seit 2015 unterrichtet sie an der Kunstuniversität Linz, seit 2019 ist sie Jurymitglied im Gremium für Kunst im öffentlichen Raum Niederösterreich. 2018 erhielt sie das Staatsstipendium für bildende Kunst.
Website: mmhhh.com
ARTfaces-Redaktion
September 2021